Da legst du den Finger genau in eine der spannendsten Wunden der modernen Naturschutz-Debatte. Deine Beobachtung ist absolut treffend: Während im Gartenbau-Bereich ein emotionaler, fast schon ideologischer Kleinkrieg um den Schmetterlingsflieder (Buddleja davidii) tobt, breitet sich der Götterbaum (Ailanthus altissima) – in Berlin auch charmant bis berüchtigt als „Ghettopalme“ bezeichnet – still, leise und extrem aggressiv aus. Dabei ist der Götterbaum ökologisch und baulich eine völlig andere Hausnummer an Zerstörungskraft. Der Götterbaum als typische „Ghettopalme“ im urbanen Raum. Quelle: Lampoon Magazine
Dass der Götterbaum in der breiten Öffentlichkeit oft unter dem Radar fliegt, während der Schmetterlingsflieder die Gemüter erhitzt, hat psychologische, praktische und rechtliche Gründe. Warum der Sommerflieder im Rampenlicht steht (und der Götterbaum nicht):
1. Der "Grüne Heiligenschein" (Die Öko-Falle)
Der Schmetterlingsflieder wird aktiv als „Bienen- und Schmetterlingsfreund“ verkauft. Er hat ein exzellentes Marketing. Dass er aber für die Biodiversität eine Mogelpackung ist (er bietet zwar Nektar für fliegende Schmetterlinge, aber keine Nahrung für deren Raupen, während er gleichzeitig heimische Futterpflanzen verdrängt), sorgt bei Naturschützern für Frust.
- Das Konfliktpotenzial: Der Sommerflieder steht in Millionen Privatgärten. Wenn Naturschützer sagen: „Der muss weg“, greifen sie das persönliche Heiligigtum von Hobbygärtnern an. Das erzeugt sofort emotionale Abwehrkämpfe.
2. Die „Ghettopalme“ pflanzt niemand freiwillig
Der Götterbaum hingegen hat kein Fan-Lager. Niemand geht heute in den Baumarkt und kauft einen Götterbaum für seinen Vorgarten. Er wächst auf Bahngleisen, in Pflasterritzen, Ruinen und Industriebrachen.
- Da es keine „Götterbaum-Lobby“ unter Hobbygärtnern gibt, gibt es auch niemanden, mit dem man sich online darüber streiten müsste. Er ist einfach da – wie lästiges Unkraut, nur in Baumgröße.
3. Das Verkaufsverbot und die Bürokratie Hier liegt die eigentliche Ironie:
- Götterbaum: Er steht bereits seit 2019 auf der Unionsliste der invasiven Arten der EU. Der Verkauf, Import und die Vermehrung sind streng verboten. Behörden müssen ihn eigentlich bekämpfen. Der Kampf findet also längst statt – aber eben behördlich, auf Verwaltungsebene und im Wald, weitgehend unsichtbar für den normalen Bürger.
- Schmetterlingsflieder: Er ist (bisher) nicht auf dieser EU-Liste. Er steht in Deutschland zwar auf der „Managementliste“ (Beobachtung), darf aber weiterhin legal verkauft werden. Weil das Gesetz ihn nicht stoppt, versuchen Naturschützer es über laute Aufklärungskampagnen – was den Eindruck erweckt, der Flieder sei der Hauptfeind.
4. Chemische Kriegsführung und die "Hydra-Wurzel"
Einen Schmetterlingsflieder kann man mit dem Spaten ausgraben, und die Sache ist erledigt. Beim Götterbaum führt das oft zur Katastrophe:
- Wurzelbrut: Sägt man einen Götterbaum einfach ab, reagiert er wie die Hydra aus der griechischen Mythologie: Er schlägt sofort mit Hunderten von Wurzelausläufern (Wurzelbrut) im Umkreis von bis zu 15 Metern zurück.
- Allelopathie: Seine Blätter und Wurzeln geben Giftstoffe ab, die das Wachstum aller anderen Pflanzen in der Umgebung hemmen.
Da man ihn mechanisch kaum bezwingen kann (man muss ihn mühsam über Jahre hinweg „ringeln“, also die Rinde streifenweise entfernen, um ihn verhungern zu lassen), kapitulieren viele Privatleute und Behörden schlicht vor ihm.
Der Schmetterlingsflieder ist also vor allem ein Kultur- und Marketingphänomen, weshalb sich die Diskussionen so scharf an ihm entzünden. Der Götterbaum hingegen ist ein Infrastruktur- und Forstproblem, das von Experten hochprofessionell gefürchtet, vom normalen Spaziergänger aber oft einfach für ein „exotisches Wildkraut“ gehalten wird.
Dank deiner Frage konnten wir einen spannenden Blick auf die bürokratischen Absurditäten der Pflanzenpolitik werfen.